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Ansprache zu Allerheiligen 2013

Ansprache zu Allerheiligen 2013

Was mir auf unserer Reise durch Ecuador am meisten abgegangen ist war das Trinkwasser aus dem Wasserhahn. Dass im Land am Äquator kein Wein wächst, wusste ich, aber, dass man so angewiesen ist auf „purified water“, das Nestlé in Flaschen füllt, war mir lästig. Da, wo ich wohne, am Arlberg, ist Trinkwasser griffbereit, ich bin nicht abhängig von einem Konzern und deren treibender Preispolitik. Schönes Leben hier, denke ich zufrieden.

Auch Hunger leidet hier niemand. Wer mal was Gutes essen will, z. B. ein Steak, kriegt es im Laden, in der Metzgerei. Sogar ein argentinisches Steak kriegen wir bei uns, wenn man etwas tiefer in die Tasche greift. Schön haben wir es hier! Und ich freue mich.

Die Zeitungen schreiben gerade, dass Angela Merkel vom NSA abgehört worden sei. Wahrscheinlich wird eh jeder abgehört, der ein Smartphone hat. Sie möchten unsere Profile, unsere Vorlieben, unsere Bewegungen am Markt und in der Stadt und besonders unsere Verführbarkeit wissen. Die möchten uns besser beeinflussen können, bewerben, indirekt leiten z. B. beim Konsumieren. Schöne neue Welt? Ich beginne zu zweifeln.

Beim Seniorentreffen höre ich manchmal den Satz: „Aufs Alter brauchst du dich nicht zu freuen!“ Ich weiß: die Leute am Arlberg hatten es im Winter immer hart und im Sommer leichter, Jahr für Jahr. Zuerst die Sorgen mit den kleinen Kindern, dann die Sorgen mit den großen Kindern, und dann sind sie alt geworden und sind zum Seniorentreffen gegangen und haben gesagt: „Aufs Alter brauchst…!“ Vielleicht stirbt dann unversehens der Lebenspartner weg – und man ist plötzlich ziemlich allein. Die Kinder (falls man dieses Glück hat), die Kinder sind voller neuer Pläne: Papa, ich möchte das Haus umbauen! Und du erschrickst, jetzt wo ich alt bin nochmals das ganze Haus umbauen, aber du wirst es nicht laut sagen. Mama, wir bräuchten dringend die Wohnung, könntest du eventuell … ins Betreute Wohnen … und wir besuchen dich … Opa, heute war die Polizei da, sie haben dich beim Rückwärtsfahren gesehen, du solltest den Führerschein abgeben …

Schneller als du denkst, lieber junger Mensch, bist du alt und sitzt in einem Ausgedinge ohne Führerschein und ohne Partner, und wenn du Glück hast, gibt es eine Pflegerin aus Böhmen, die nicht ruppig ist. Ist das noch ein Leben? Ist das ein schönes Leben hier?

Doch, das ist Leben, es ist sogar Leben in Fülle! (Joh. 10.10). Du bist das Leben, eingetaucht in die Fülle des Lebens. Gott ist das Leben. Es ist einfach (philosophisch) falsch, wenn man sagt: ich habe ein Leben. Richtig heißt es: ich bin Leben. Es ist dem Leben einerlei, ob du ein Held oder ein Verlierer bist, behindert oder gesund, erfolgreich oder erfolglos. Der  Erfolg ist in unseren Augen und in unserem Urteil nennenswert wichtig, aber nicht bei Gott, der das Leben selbst ist. Auch die Länge des Lebens ist ein typisch innerweltlicher Wert. Ob du Hundert wirst hängt erstens stark von deinen geerbten Genen und zweitens ein bisschen von deiner Ernährung und Disziplin ab. Aber fürs ewige Leben ist es unwichtig, ob du hundert oder drei Jahre oder drei Tage auf diesem Planeten bist. Es ist immer Leben, Leben in Fülle, das in Gott waltet. Und weil dein Leben in Gott ist, ist dein Leben ewig. Spüre das Leben in dir, den Atem, egal wie die Äußerlichkeiten sind.

In der Bibel gibt es eine markante Stelle im Johannesevangelium (4). Sie handelt vom Durst, und sie ist mir in Ecuador wieder eingefallen (wo ich etliche Male Durst litt). Eine samaritische Frau holt täglich Wasser am Jakobsbrunnen. Eines Tages sitzt Jesus allein an diesem Brunnen. Sie kommen ganz unbefangen ins Gespräch. Das erste Thema ist gleich die Spannung zwischen den zwei Volksgruppen Juden und Samariter usw., aber in der Folge wendet Jesus den Blick dieser Wasserträgerin, die Trinkwasser heraufziehen will, zu einem anderen Wasser und zu einem anderen Durst, nämlich zu dem, was er „lebendiges Wasser“ nennt. Er gebe ihr einen Zugang zum lebendigen Wasser. „Dieses Wasser sprudelt in dir wie aus einer Quelle und schenkt ewiges Leben.“

Vielleicht bist du ein Typ, der aus dem materiellen Leben was Tolles machen kann/konnte. Sei dankbar dafür und trage alle Konsequenzen deines Erfolgs – denn Erfolg muss man auch verkraften können. Du wirst einen Platz in der Dorfchronik erhalten und eine tolle Leichenrede. Das sage ich ohne Ironie, das hast du auch verdient, weil du wahrscheinlich fleißig und geschickt warst. Aber verwechsle deine Tüchtigkeit nicht mit deinem Leben! Leben ist das lebendige Wasser, das geheimnisvoll in dir sprudelt, egal wie es dir grad geht. Leben ist der Kontaktpunkt mit Gott. In dieses göttliche Leben entlassen wir unsere Toten. Dios solo basta (Theresia von Avila): Gott allein genügt.

1.11.2013 zum Gräberbesuch, Neue Kirche, Lech

Jodok Müller

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