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Ein Haus voll Glorie oder ein Haus voll Schande? Predigt am Kirchweihsonntag 2011

Ein Haus voll Glorie oder ein Haus voll Schande? Predigt am Kirchweihsonntag 2011

Unsere Kirche St. Nikolaus in Lech wurde am 4.7.1975 eingeweiht. Immer wieder kommen Architekten, Professoren und ihre Studentinnen und Studenten zur Besichtigung. „Sehr schön, sehr gelungen! Eine der schönsten modernen Kirchen Österreichs“ sagen die. Das Lob gebührt dem Bauherr, dem damaligen Pfarrer Franz Eberle, dem damaligen Bürgermeister Robert Pfefferkorn, dem damaligen Kirchenrat und Bauausschuss.

Unsere Kirche St. Nikolaus: Das ist nicht nur das Gebäude, sondern auch das Volk Gottes, die Menschenkirche, die Gemeinde oder wie Paulus sagt: „das seid ihr, der Tempel Gottes“ (1. Kor.). Dabei fällt auf, dass die Gebäude derzeit in weit besserem Zustand sind als die Menschenkirche. Viele, leider viele junge Menschen gehen weg und treten aus. Sie sagen: ich brauche die Kirche nicht mehr, das Ganze sagt mir nichts. Warum soll ich Geld dafür bezahlen? Es gibt Lehrlinge, die bekommen noch vor der ersten Lohnauszahlung bereits eine Aufforderung zum Zahlen. Ich verstehe, dass man da einen richtigen „Walser-Zorn“ bekommen kann und weggeht.

Das Problem ist nicht die Wut der Jungen, das Problem ist eher, dass mit den Jahren und Jahrzehnten der innere Kern der Kirche, nämlich der Glaube, die Hoffnung, die Botschaft Jesu unmerklich verdunsten. Die Gemeinschaft im Dorf, das Zusammenkommen am Sonntag, das Miteinander Beten und Aufeinander-Achten wird immer dünner. Am Ende bleibt nichts mehr übrig von einem gemeinschaftlichen Glauben und Hoffen. Das ist der eigentliche Schaden, nicht der fehlende Kirchenbeitrag.

Viele bleiben – auch in winterlicher Zeit!!! Das ist bei der derzeitigen Situation überraschend und äußerst erfreulich. Viele Menschen glauben noch an Gott, lesen die Bibel, feiern den Sonntag in einer Gemeinschaft mit, singen im Chor, sind Ministrantinnen, versuchen achtsam und liebevoll zu sein.

Triumphal steht die Kirche heute nicht mehr da.  Das Lied „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land“ hat Joseph Moor (Stille Nacht, heilige Nacht) um das Jahr 1870 gedichtet. Es war die Zeit, als der Papst sich „unfehlbar in Glaubens- und Sittenfragen“ erklären ließ. Diese Zeiten sind vorbei. Das Lied kann man heute nicht mehr singen, wären da nicht die anderen Strophen von Hans Marx (nicht Karl!!).

Heute klingt das Lied eher so: Ein Haus voll Schande schauet – nicht mehr ins große Land. Klein wird sie, die Kirche Europas, und mit Schande ist sie getränkt. Sünden sind aufgedeckt worden, vertuschte Geschichten treten zutage. Der Ruf ist ruiniert, das Image so schlecht wie noch nie.

Und trotzdem bleiben Menschen in der Kirche und, die bleiben sind ja nicht alle naiv oder wahrnehmungsgestört. Sie sagen ein JA zur Kirche, weil darin IMMER NOCH das Allerheiligste durchscheint, weil IMMER NOCH die Botschaft Jesu verkündet und weil IMMER NOCH um Gerechtigkeit und Liebe gerungen wird. Die, die bleiben, können einen Moment ganz schön zornig werden über die Institution, aber sie bleiben, weil sie in Gott verankert sind, nicht im Vatikan. Sie würden sogar bleiben, wenn der Pfarrer von Lech Blödsinn macht, weil ihr Bezugspunkt nicht der Pfarrer, der Papst oder das andere Bodenpersonal ist, sondern Gott selbst.

Die Kirche Europas ist alt geworden. Sie ist wie ein Oldtimer. Das Auto vom lieben Gott ist derzeit ein Oldtimer. Wenn dieses Auto fährt, dann knattert, rattert und zittert alles. Es gibt eine Fehlzündung nach der anderen. Das Fahrzeug muss dringend zum Service, zu einem himmlischen Service, eventuell muss es ein III. Vaticanisches Konzil geben. Wir wissen nicht, was Gott vorhat. Vielleicht will er überhaupt ein neues, anderes Auto, einen Hybridwagen oder ein Elektroauto. Der alte große triumphale Bus, die alte Gloria-Limousine aber gibt es sicher nicht mehr, und wird es auch nicht mehr geben.

Jene Menschen, die bleiben, auf die setze ich meine Hoffnung. Sie sind es, die den Oldtimer liebevoll pflegen und in die Werkstatt Gottes stellen. Sie sind es, die tiefer sehen als die Oberfläche, tiefer lesen als der Boulevard und tiefer glauben als die Tagesmeinung. Sie sind in Gott verankert und nicht im Irdischen. Sie sind es, die die Kirche durch den Winter tragen. Deshalb sage ich euch heute, am Kirchweihsonntag, ein Dankeschön fürs Bleiben. Ihr seid der Tempel Gottes!

Kontakt

Pfarramt Lech | Dorf 15 | 6764 Lech am Arlberg | AUSTRIA | tel. +43 5583 2512 | fax +43 5583 2512-2 | pfarramt@pfarre-lech.at