Vom Sehen zum Hören. Und warum das Hören so schwer sein kann. Predigt zum vierten Ostersonntag
Die Evangelien seit der Osternacht sind so aufgefädelt, dass es eine sinnvolle Kette ergibt: zuerst das SEHEN: das leere Grab, die Wunden, die Erscheinung des Auferstandenen im abgeschlossenen Zimmer, auf dem Weg nach Emmaus, schließlich am Ufer des Sees.
Dann das HÖREN. Das ist heute dran: die Stimme des Hirten!
Was tun Sie lieber? Fern-SEHEN oder Radio-HÖREN? Die meisten schauen lieber fern, es geht leichter und lockerer. Das Hören, das richtige, konzentrierte Zuhören (nicht die Berieselung) ist bedeutend anstrengender als zusehen. Das Hören ist schwieriger, aber es ist wesentlicher.
Eine Geschichte vom Hören habe ich diese Woche erlebt. Ein nicht mehr ganz junger Mann meldete Hochzeit an. Dieser Mann wurde durchs Leben gejagt von verschiedenen Stimmen: die Stimme seiner Eltern, die Stimmgewitter seines Verwandtschafts-Clans. Folglich ging er in jene Schule und begann jenen Beruf und heiratete jene Frau, die von diesen Stimmen bestimmt wurden. Dafür bezahlte er einen hohen Preis: Seine Seele wurde krank, dann sein Körper. Leukämie.
Seine damalige Frau ließ sich scheiden, die Ehe wurde auf Wunsch des Clans kirchlich gelöst, die „Bestimmer“ gingen auf Distanz, er hing am Tropf.
Wenn ein Mensch am letzten Tropf hängt, fällt er tief nach unten. In der Unterwelt kommt er an seine Existenzgrenzen. Oder wie die Lesung heute formuliert: wer aus der großen Bedrängnis kommt, dessen Kleider werden reingewaschen. Dort hört man die Stimme Gottes. Ich meine das unpathologisch, unauffällig, unaufdringlich. Er rannte nicht herum und erzählte, er habe eine Marienerscheinung gehabt und habe eine Botschaft. Er weiß nicht wörtlich, was die Stimme sagte. Es war mehr ein Gefühl, ein umwerfendes, klares Gefühl: „Ich muss neu anfangen, neu geboren werden. Ich muss gegen alle Planung von vorne anfangen. Die Stimme hatte etwas Barmherziges und Vertrauensvolles. Ich hatte keine Angst mehr!“
Er stellte die halbherzigen Krankenbesuche seiner Verwandten ein, wurde gesund – und fing neu an: Mit Dreiundvierzig nochmals Ausbildung, neuer Beruf, es wurde SEIN Beruf, mit Vierundvierzig neuer Wohnort, SEINE Wohnung und mit knapp Fünfzig SEINE Frau – jene, die er eben jetzt bald heiraten wird (nicht in Lech!).
Meine Schafe hören auf meine Stimme. Und sie folgen mir. (Johannesevangelium zum 4. Ostersonntag).
Manche brauchen dazu dreiundvierzig Jahre, manche weniger, manche mehr. Das ist egal. Es geht um die Stimme Gottes in dir, um deinen Weg mit Gott. Wer den geht, ist im Stall Gottes und trägt seinen Stallgeruch. Wer ihn nicht geht, folgt irgendwelchen anderen Stimmen, der Werbung oder der Mode oder dem „Dabeigsi“ oder dem Man-tut-was-alle-tun oder der Windrichtung oder den Beckhams. Denn jeder folgt Stimmen. Nur ist es nicht immer sicher, ob es die Stimme des Guten Hirten ist.
Das Hineinlauschen in dich ist eine große, oft langwierige Aufgabe. Viele Eheprobleme, Schulprobleme, Krankheiten, Gerichtsverhandlungen, Kämpfe und Bürden würden sich lösen, wenn wir hineinlauschen könnten in unser tiefes Inneres. Könnten es die Bischöfe, müssten sie nicht zurücktreten durch äußeren Druck, könnten es andere Würdenträger, würden sie keinen Missbrauch betreiben. Würden unsere Kirchenmänner die Stimme des wirklichen Hirten hören können, wären viele Kirchenprobleme weg. Würden wir alle diese eine Stimme erlauschen können, würde sich der Friede über uns legen und das Leben würde erblühen wie ein Frühling.
Auferstandener guter Hirte, hilf uns unsere inneren Ohren an den rechten Fleck zu rücken. Amen!






