Das Kreuz, der Missbrauch und Joseph Beuys. Karfreitagspredigt 2010
Joseph Beuys sagte einmal: „Wunden, die man zeigt, heilen. Wunden, die man versteckt, heilen nicht.“ Beuys, Kunst-Professor an der Düsseldorfer Akademie, unverdächtig was Religion und Frömmigkeit anlangt, ist angeblich im Zweiten Weltkrieg als Pilot abgestürzt. Tataren fanden ihn, schmierten ihn mit Fett ein und wickelten ihn in Filzdecken. Das rettete ihn vor dem Erfrierungstod. Seine Kunst-Installationen aus Holz, Fett, Wachs, Filz und andere Materialien erinnern diese Errettung, zeigen die Angst und die Wunden eines Ausgelieferten. Vor 20 Jahren ist Beuys gestorben.
Im Ritual der Kreuz-Enthüllung, das in der katholischen Karfreitagsfeier durchgeführt wird, taucht dieses „Wundenzeigen“ jedes Jahr auf. Als junger Mensch dachte ich: „So ein Blödsinn, Nägel und Wunden an Händen und Füßen anschauen und dazu noch singen! (Seht das Kreuz an dem der Herr gehangen…).“ Nach acht Jahren Seelsorge im Krankenhaus und neun Jahren Seelsorge in Lech merke ich langsam, dass es doch nicht so dumm ist, Wunden anzuschauen, Lebenswunden zu besprechen, Schmerzen zu beweinen, ja sogar zu besingen.
Denn der Wunden sind viele: Liebeskummer, Ehescheidung, Kindstod, Witwe/Witwerwerden, Durchfallen bei Prüfungen, Arbeitslos-werden, Verletzungen von Eltern, Lehrern, Priestern, Beamten, Richtern und den ganzen Autoritäten, denen man im Leben ausgesetzt ist. Es kann eine Lebenswunde sein, wenn man in einen Beruf hineingedrängt wurde oder den Beruf verfehlt. Es kann weh tun, wenn man mit 60 vor den Scherben seines Lebens sitzt: Frau weg, Kinder aus dem Haus, Geschwister nur noch über Rechtsanwalt erreichbar, und die sogenannten Kumpels sind nur Kumpels, solange ihnen ein Bier ausgegeben wird. Bist du pleite, suchen sie das Weite.
Zumindest wünschen wir, dass unsere Wunden ernst genommen werden. Obwohl die Kirche Symbol-Kompetenz hat, ist sie im grauen Alltag irgendwie inkompetent. Sie scheint übers Rituelle nicht hinauszukommen; es scheint als wäre ihr das System oder ihr Image wichtiger als der Mensch. Das zeigt sich gerade jetzt bei den bekannt gewordenen Missbrauchs- und Gewaltfällen. Da wurde zugedeckt, verheimlicht, verschoben. Die Wunden der Opfer haben eigentlich niemanden interessiert.
Aber verdeckte Wunden heilen nicht! Nach Monaten, Jahren, Lebensaltern bricht der ganze Schmerz wieder hervor. Die meisten Opfer möchten gar keine Verurteilung, keine Kreuzigung der Täter, sondern nur angehört und ernst genommen werden. Sie möchten oft nur ihre Wunden zeigen und ihre Narben ansprechen dürfen.
Die Leidensgeschichte Jesu und das Kreuz, an dem der Herr gehangen, ist ein konsequentes Aufdecken, kein Zudecken von Schmerzen. Wer die Leidensgeschichte nach dem Evangelisten Johannes, die wir gerade gehört haben, aufmerksam verfolgt, entdeckt die Reihe von Wunden dieser Geschichte: Verrat, Folter, Schlagen, Geißeln, Dornenkrönung, Vorführen, Anschreien, Höhnen, Kreuzweg, Nägel, etc. etc. Das Kreuz will Wunden zeigen, Wunden, die wir Menschen einander antun an allen „Extremitäten“: Hände, Füße, Herz, Kopf. Das Kreuz ist so gesehen das Gegenteil von Vertuschung.
Wie könnte diese Welt schön sein, wenn wir uns einander zeigen dürften wie wir sind! Wir, mit unseren Sonnen- und Schattenseiten, mit unseren Kränkungen und Wunden; wenn Wunden langsam (!) heilen dürften, wenn Tränen nicht so schnell verboten würden, wenn Opfer und Täter sich versöhnen könnten! Und wenn wir alle – oder wenigstens die Kirchgänger alle – leidempfindlicher würden! Dieses Wort von J. B. Metz meint nicht Selbstmitleid pflegen oder eine „Jammertante“ werden, sondern das Empfindsam-Werden für das Leid in der Welt. Wir müssen damit anfangen, die da oben tun das irgendwie nicht, sie sind zu sehr beschäftigt mit Karriere oder Image.
Wunden, die man zeigen darf, heilen. Neugierig frage ich mich, was hätte Beuys für eine Installation geschaffen, hätte er die Passion Jesu verarbeitet? Und nicht nur das: hätte er auch die Auferstehungsgeschichten mitgenommen? Auf diese Kreation wäre ich sehr gespannt gewesen.






