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Das Jahr der Barmherzigkeit

Predigt zum 3. Sonntag im Jahr. Ein Gnadenjahr

Die erste Predigt Jesu in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret. Er liest aus dem Propheten Jesaja einige Sätze vor, der letzte heißt: „Er hat mich gesandt … ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen!“.

Was ist ein Gnadenjahr?

Das Gnaden- oder Sabbatjahr gab es in Israel alle sieben Jahre. Es enthielt folgende Regeln:

1. Der Ackerboden durfte ruhen. Es wurde nichts angebaut, man lebte vom Ersparten und von der Ernte des vergangenen Jahres. Die Früchte, die dennoch wuchsen, gehörten den Armen und den Tieren des Feldes.

2. Wer aus Not Schulden gemacht hat (z. B. durch Verpfändung), bekam diese Schulden erlassen.

3.  Sklaven konnten im Sabbatjahr frei wählen, ob sie bleiben oder in Freiheit gehen möchten.

Zur Zeit Jesu wurde das Gnaden- und Sabbatjahr nicht mehr praktiziert. Wir wissen nicht einmal, ob es jemals über längere Zeit eingehalten wurde. Das heißt, die damals und wir heute leben ziemlich ähnlich: wir konsumieren, sammeln, was wir bekommen können, nützen und beuten aus und schauen auf uns. Tiere sind Versuchsobjekte (z.B. für Lawinennotfallversuche) oder Schlachtgegenstände. Und außerdem muss alles schnell, perfekt, rapid und „tüpflegenau“ (vorarlbergischer Spezialausdruck) gehen.

Das Gnadenjahr war ein Jahr der Barmherzigkeit. Barmherzig zu Mensch, Tier und Ackerland. Eine Idealvorstellung, dass alles zur Ruhe kommen darf, alles neu beginnen, alles wieder in Harmonie kommen und Kraft schöpfen darf, dass ein Schuldiger nochmals eine Chance bekommt, ein Schüler nochmals antreten darf, eine Liebe nochmals begonnen werden darf, ein Sklave, ein Knecht, eine Magd einmal über sich bestimmen darf und erleben kann, dass er selbst Gott und nicht einem Herrenmensch gehört, dass die Tiere einmal ein Festjahr haben und ohne Verfolgung und Vergiftung auf den Menschenäckern fressen dürfen, kurz, dass Menschen einfach wieder einmal gut sind. Das ist ein Gnadenjahr.

Ich kenne ein Schwarzweiß-Foto vom alten Schlegelkopflift mit einer 50 Meter langen Warteschlange von Schifahrern. Der Lift muss recht langsam transportiert haben. Vielleicht haben die Leute geredet, Witze erzählt, das Abendessen geplant oder sich gesonnt. Heute ist die Situation ungeduldiger und unbarmherziger. In der modernen Rüfikopfbahn kommt sehr bald (binnen 3 Minuten!) Unmut und Raunzerei auf, wenn es nicht schnell genug vorwärtsgeht – mit dem Kommentar: „So teuer alles und dazu ein so schlechter Service!“

Eine 16 jährige ist mit ihrem Vater laut schimpfend aus dem Sporthaus Strolz gekommen: Ich will diese Schuhe, warum kaufst du sie mir nicht? Der Vater: Weil ich für euch alle jetzt schon Tausende Euro ausgegeben habe. Seine Tochter wörtlich: „Du bist ein Looser!“

Sie hat „Looser“ zu ihrem Vater gesagt, die Sechzehnjährige! Das ist unbarmherzig und auch nicht durch ihre Pubertät zu verzeihen. Es ist eine harte junge Frau. Damit diese Mentalität nicht Besitz ergreift von uns und unserer Jugend, damit Barmherzigkeit kein belächeltes, weichliches Wort werde, ist uns das heutige Evangelium gesagt. Heute hat sich das Schriftwort erfüllt. Jesus selbst ist das Gnadenjahr.

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