Wie Jesus einem frischgebackenen Bräutigam aus der Patsche hilft
Predigt zum 2. Sonntag im Jahr
Ich habe bei meinen vielen Hochzeiten noch nie erlebt, dass der Wein ausging. Europäische Wirte und Hochzeitspaare können genau kalkulieren, was sie brauchen. Zudem ist eine katholische Hochzeit überschaubar: das Ganze geht einen Tag und eine Nacht. Orientalische Hochzeiten hingegen feiern in der Regel sieben Tage und Nächte. Die Geschichte des heutigen Sonntags handelt vom kleinen Dorf Kana und einer jüdischen Hochzeit, die Gefahr lief in eine große Peinlichkeit zu rutschen. Hochzeitsgästen kann man nicht Wasser oder Joghurt oder Holundersaft vorsetzen. Das ist kulturell und gastronomisch unmöglich. Das Fest droht zu platzen – und der Bräutigam – damals scheinbar für den Wein verantwortlich – droht sich lächerlich zu machen.
Erzählt Johannes, der Verfasser dieser Geschichte, das als kleine Anekdote? Erzählt er das, um die Wunderkraft Jesu zu rühmen? Bei Johannes habe ich immer den Verdacht von hintergründigen, symbolische Botschaften: Zahlen, Personen und Situationen sind Chiffren.
Z. B. diese sechs steinerne Wasserkrüge, die erwähnt werden. Die Zahl sechs steht für die sechs Werktage, unser Alltag: reinigen, waschen, kochen, putzen, reparieren, sitzen in Schule und Sitzungen, denken, schreiben etc. etc. Die Wasserkrüge sind diese täglichen, notwendigen, langweiligen und anödenden Arbeiten: Büro, Fließband, Werkstatt, Schule, Hotelküche, Zimmerservice, Sprechstunde. Mit allen Sorgen des Alltags, die da sind: verdiene ich genug? Kriege ich meine Kinder durch bis zum Schulabschluss? Welches Auto kann ich mir leisten? Habe ich den richtigen Job? Sollte ich nicht abnehmen, bin ich nicht zu dick oder zu dünn? Habe ich die richtige Kleidung für den Anlass? Passen meine Schuhe zum Kleid? Wird das Wetter morgen gut, kann ich Schi fahren gehen? Wird unsere Firma den Auftrag bekommen ??? Etc. etc.
Das alles steckt in den steinernen Wasserkrügen. Der Inhalt – bloßes Wasser – wird von Jesus verwandelt. Und zwar ganz unspektakulär und still. Außer den Dienern hat es niemand mitbekommen. Die ganze Geschichte spiegelt die Erfahrung der ersten Christen. Die Anwesenheit Jesu, die Kraft Christi in mir verändert den Alltag. Dass jemand Christ ist, bleibt oft unspektakulär und still. Doch die innere Verwandlung ist enorm. Der ganze Alltag verändert sich. Es bleiben zwar die Sorgen und das Fließband, aber sie haben eine andere Farbe bekommen. Unsere täglichen Sorgen um Kinder und Job und Haus werden hineingenommen in den Glanz Gottes. Sie schmecken anders. Sie sind nicht mehr so wichtig und belastend. Sie stehen gleichsam wie in der Ecke in jenem großen Raum, den ab nun Gott im Leben ausfüllt.
So wird der Alltag zu einem kleinen Fest. Gott wirft seinen Glanz darauf, aus „sorgenvoll“ wird „geborgenvoll“.






