Der Supermarkt hat alles! Wozu noch Erntedank?
Predigt zum Erntedanksonntag am 27. September 2009
Wie muss ein Bauer auf Bürstegg (Hochsiedlung zwischen Lech und Warth, 1715 m Seehöhe) um das Jahr 1850 glücklich gewesen sein, als er seinen kleinen Heustock auf der Tenne und seine zwei Kühe und seine Ziege von der „Sommeralp“ zurück im Stall hatte. Da war der Dank körperlich fühlbar und Erntedank noch ein wirkliches Fest.
Um in unsere Zeit zu gehen. Es gibt Landstriche, wo kein Erntdank möglich ist, weil einfach nichts gewachsen ist. Es ist vertrocknet. Oder der Hagel hat die Ernte zerschlagen oder der Spulwurm hat dem Bananenbaum die Wurzeln abgefressen. Dieser Kleinbauer überlegt wie er seine Familie durchkriegt. Er überlegt in die nächste Großstadt zu ziehen. Dort wird er sich in einer Favella oder in einem Slum eine Blechhütte bauen. Wenn er aus Nordafrika ist, überlegt er sich, ob er nicht auf eines der Boote geht und in den goldenen Norden – über TV hat er solche Bilder gesehen – fährt. Aber auch diese Flucht wird eine Schicksalsgeschichte: Entweder werden diese boat-people zurückgeschickt, eingesperrt oder ertrinken im Mittelmeer.
Das predige ich nicht, um euch die Erntedank-Festlaune zu verderben. Ich sage das, weil der Erntedank bei uns eine paradoxe Geschichte ist. Die Bauern der Sahelzone können nicht Erntedank feiern, weil sie es nichts zu ernten gibt. Wir im Norden können nicht recht Erntedank feiern, weil wir zu viel haben. Die Landwirtschaft leidet an einer zu reichen Ernte: die Preise verfallen, Milch wird auf die Strasse und Tomaten ins Meer geschüttet.
Klar, wir sind froh über unseren allgemeinen Wohlstand. Aber können wir danken für Billigmilch, Analogkäse (falscher Käse), Mengenkontingente, Kleinbauernsterben und Überproduktion?
Ich habe eine Idee. Wir danken heuer nicht für die Massenernte der Landwirtschaftsindustrie, nicht für Turbokühe, nicht für Billiglebensmittel, sondern für das Kleine: für Bauern, deren Vieh noch auf einer Weide fressen kann, für Ökobauern, die naturnah arbeiten, für Bergbauern, die steile Hänge mähen und rechen, für Holzarbeiter, die nicht mit Bulldozern Baumplantagen „mähen“, sondern mit der Motorsäge jeden Baum einzeln fällen und richten und für Weinbauern, die mit Handarbeit wenig Ertrag, aber guten Wein machen. Wir danken einer Landwirtschaft, die auch den wilden Tieren noch ein paar Quadratmeter übriglässt. Wo ein Specht noch eine Baumhöhle, ein Hase noch ein Versteck in einer Hecke und eine Eidechse noch einen Steinhaufen zum Übernachten findet.
Es gibt auf unserer Erde Landwirtschaft, wo kein Bach, keine Hecke und kein Steinhaufen mehr zu finden ist. Alles wird ausgenützt und ausgebeutet. „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten.In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Levitikus 19, 9 und 10
Ich bin froh, dass wir in Lech noch „kleine Landwirtschaft“ machen. Der „Chuchechasta“ (Küchenschrank), der heute in unserer Kirche aufgestellt ist, präsentiert Produkte aus unserer Landwirtschaft: Käse, Milch, Butterschmalz,
Frischkäse, Topfen, Fleisch (natürlich und langsam gewachsen), Hirschwürste, Tee aus Lecher Kräutern, Blau- und Preiselbeeren, Latschenhonig, selbstgemachte Marmelade, Gemüse aus Lecher Gärten, Schnittlauch, Bienenhonig, Forellen aus Lechern Gewässer, Murmeleöl, Filzprodukte, handgestrickte Socken, Eier, Arnika-Salbe, Johanniskrautöl, Arnikaschnaps, Vogelbeer- und Enzianschnaps, Heu.
Wir besingen und bejubeln hier keine Bauernromantik. Wir wollen auch nicht mehr zurück nach Bürstegg ins 19. Jahrhundert. Wir besingen hier die Natürlichkeit und Regionalität unserer Ernte. Letztlich erfreuen wir uns an der großartigen Schöpfung Gottes und verbieten uns selbst ihre Ausbeutung.
Es mag toll sein, dass wir in einem Supermarkt alles kriegen, was wir uns wünschen. Und fahren wir in den nächsten, kriegen wir es vielleicht noch billiger und in noch größerer Menge. Aber ob das „Ich-kann-alles-kaufen“ uns gut tut, weiß ich nicht. Der Schöpfung tut es nicht gut. Erntedank heute ist Dankbarkeit für jene, die rücksichtsvoll umgehen mit der Erde, dem Boden, den Tieren, dem Wasser und allem was wächst.






