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Der “alte Lechfluss” – Gedanken zum Seniorensonntag

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern hie und da mal eine Jugendmesse, einen Kindergottesdienst oder eine Schülermesse. Heute feiern wir – Überraschung! – einen Gottesdienst für unsere SENIOREN :-)

Das Wort „Senior“ ist lateinisch und heißt einfach „alt“. Klingt vielleicht nicht so schön, aber es ist so: Wer nicht jung stirbt, wird einmal – alt. Ein junger Mensch ist wie der junge Lech, der im Lechquellengebiet im Zugertal entspringt: sprudelnd, schlank, verspielt, plätschernd, munter und manchmal wild ist er als junger Bach. So wie heute vor vier Jahren am 23.8.2005, als der Lech über die Ufer trat, wütete und eine Jahrhundert-Hochwasserkatastrophe verursachte.

Mit dem Alter ist es wie mit dem alten Lech, der in der Nähe von Augsburg in die Donau mündet. Er fließt langsam, gemächlich, manchmal fast müde, er ist groß und breit und „mit allen Wassern gewaschen“, er hat viel erlebt, viel erlitten und viel gesehen.

Dieser breite und stille Fluss ist für mich ein Bild des Alters.

Ich möchte das Alter nicht hochjubeln. Manchmal hat man das Gefühl, jeder Alte muss fit und fröhlich sein, ja, es sei das reinste Vergnügen alt zu werden. Diese Vorstellungen entpuppen sich bald als Slogans der Werbeindustrie für Anti-Faltencremes oder Werbung von Stimmberechtigten bei politischen Wahlen. Es gibt Lasten im Alter: Das Kranksein, die Schwerhörigkeit, das schlechte Sehen, das Aufstehen nur unter Schmerzen, Knochen wie Glas haben, keine Kraft mehr in den Händen und Füßen haben, inkontinent sein, jeder Einkauf ist mühevoll, jedes Telefongespräch eine Anstrengung. All das ist kein Vergnügen. Sodass mir manchmal ein alter Mensch sagt: „Du brauchst dich aufs Alter nicht zu freuen …“

Trotz alle dem glaube ich, dass alte Menschen wertvoll sind. Ich behaupte sogar: sie sind ein Schatz für eine Gemeinde, sie sind nicht nur als „Seniorchefs“ und Geschichtenerzähler wichtig, sondern weil sie was können: Im Jahr 2004 gab es den schrecklichen TSUNAMI in Asien. Die Ureinwohner auf den Inseln Indonesiens hatten die wenigsten Tsunami-Opfer, weil dort alte Menschen wohnten. Die wussten: Wenn das Meerwasser plötzlich sinkt, muss man sofort ins Landesinnere gehen – nicht die entblößten Ufer begutachten, wie es einige Touristen taten. Sie haben zu den Leuten gesagt: Flieht und schaut nicht ins Meer!

Auf das Erfahrungswissen der alten Menschen glauben wir heute verzichten zu können, weil wir Wissenschaft und Geschichtsschreibung haben. Aber wir brauchen die alltägliche Erfahrungen, das Wissen und die Talente alter Menschen.

Gewiss gibt es auch geschwätzige, altkluge, besserwisserische, nörglerische Alte. Junge sagen: „Die reden immer dasselbe. Sie reden immer, wie toll es früher war und wie schrecklich es heute ist. Wie verdorben wir Jungen sind und wie moralisch hoch stehend sie waren!  Sie erzählen von ihren Krankheiten, von ihrem Speisezettel, von ihrem Hausbauen, von ihrem Zeugs, das ist langweilig!“  Gut und recht, aber trotzdem birgt das, wenn man genau und geduldig hinhört, ein großes Wissen und eine wertvolle Erfahrung.

Ich wünsche mir, dass alte Menschen weise werden. Wie man das macht, weiß ich selbst nicht. Ich möchte ja selbst, wenn ich mal alt werden sollte, weise werden. Weise, nicht bitter. Klug, nicht altklug. Kritisch bleiben. Was bedeuten könnte, Jugendlichen manchmal zu sagen: „Ich glaube, jetzt machst du einen Fehler!“  Nicht sagen: alles ist schlecht, sondern: an diesem Punkt machst du einen Fehler. Ich würde im Alter gerne kritisch werden, aber nicht nörglerisch; klare Sprache reden, aber nicht geschwätzig werden; tolerant, aber nicht spöttisch werden; ruhig im Innern und Äußern, aber nicht träumerisch und dement;  ausgeglichen und ohne Angst vor dem Tod. Ich möchte im Alter weise werden. Diese Bitte lege ich dem lieben Gott vor für unsere Pfarre und für mich selbst.

In Lech versuchen wir PFARRLICHE SENIORENARBEIT zu machen.  Wir haben da so einige Sachen gegen die Vereinsamung und Vereinzelung: Seniorenstammtisch, Seniorentaxi, Seniorenausflug im Frühjahr und ganz neu den Besuchskreis. Ich bedanke mich bei allen, besonders bei unseren Seniorenfrauen vom PGR, die hier sehr viel Kraft und Energie einsetzen. Weise alte Menschen in einer Gemeinde zu haben ist ein großer Schatz! Deshalb heißt heute der Segen am Ende: Gott nehme von dir die Last des Alters und gebe dir ein weises und fröhliches Herz. Amen.

Kontakt

Pfarramt Lech | Anger 15 | 6764 Lech am Arlberg | AUSTRIA | tel. +43 5583 2512 | fax +43 5583 2512-2 | pfarramt@pfarre-lech.at